Insolvenz – Hilfe ich bin noch ein Mensch!

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Insolvenz – Hilfe ich bin noch ein Mensch!

von Anne Koark
email: anne@anne-koark.com

 

Jeden Tag betrachten wir in der Zeitung die Anzahl der Firmen, die insolvent geworden sind. Wir runzeln die Stirn und fragen uns – wo soll das alles hinführen! Letztes Jahr war die Anzahl der Insolvenzmeldungen einen Rekord für Deutschland. Dieses Jahr wird die Anzahl der Insolvenzmeldungen um ein Vielfaches mehr sein. Fragen kreisen umher, wie z.B. „Was tut die Regierung eigentlich?“, „Wie viele Arbeitslose soll es noch geben?“ usw.

Aber wer fragt sich eigentlich, was mit den Menschen passiert, die dieses Schicksal erfahren?


Überlegen Sie mal, wie es wäre, wenn Sie eines Tages in die Arbeit gehen – stolz auf Ihr Unternehmen sind, monatelang auf ihr eigenes Gehalt zugunsten der Mitarbeiter verzichtet haben und erklären müssen, dass Sie nicht mehr bezahlen können. Das ist aber nur eine Handlung, die dazu gehört – denn im Vorlauf zu dieser Mitteilung haben Sie sich jeden Tag gefragt, ob es noch Möglichkeiten gibt, Ihr Unternehmen zu retten. Sie haben, womöglich interessierte Investoren im Haus gehabt und haben Hoffnung geschöpft, dass es doch noch klappen könnte. Sie standen jeden Tag gerade für Ihre Firma und plötzlich ist es aus. Wer noch nie eine Rechnung nicht bezahlt hat, muss plötzlich seinen Stolz schlucken. Man bekommt böse Briefe, in der Zeit, in der man das am Meisten nicht vertragen kann. Man muss sich darum kümmern, wie ein solches Verfahren überhaupt abläuft, was man unbedingt machen muss und worauf man aufpassen muss und man muss gleichzeitig die Energie finden, um das Unternehmen in der Zwischenzeit fortzuführen. Womöglich hat man einige Mitarbeiter in der Zwischenzeit entlassen müssen. Wenn man eine Kleinfirma ist, ist das alles nicht so einfach – einen Sozialplan benötigt man. Dieser sieht vor, dass fast ausschließlich soziale Überlegungen eine Rolle spielen – man hat jedoch Mitarbeiter, die noch Umsatz bringen und wie so oft der Fall, sind diese Mitarbeiter eigentlich genau die, die man entlassen sollte – was für das Unternehmen verheerende Folgen haben kann. Abfindungen sollte man auch bezahlen – aber gerade diese führen dazu, dass die Liquidität des Unternehmens sich derart verschlechtert, dass die anderen Arbeitsplätze und auch das Fortbestehen des Unternehmens gefährdet sind. Die Insolvenz ist eigentlich vorprogrammiert!

Alles nur Theorie? Dann schreiten wir zu einem konkreten Beispiel über. Ich heiße Anne Koark, bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und habe seit 4 Jahren ein Unternehmen, das mit der wirtschaftlichen Flaute sehr gekämpft hat. Ich habe ein Superteam von Mitarbeitern hinter mir, die zu mir durch jede Schwierigkeit hindurch gestanden haben. Mein Unternehmen ist ein privates Unternehmen – also keine GmbH oder AG hinter der man sich verstecken könnte. Meine Firmeninsolvenz ist zugleich eine private Insolvenz!

Glücklicherweise war ich zuvor nie insolvent und ich muss sagen, dass ich es nicht als wiederholungswert empfehlen kann. Zuerst musste ich mir einen fähigen Anwalt suchen, der sich in den Fällen von kombinierter Firmen- und Privatinsolvenz gut auskennt. Nach einigen Empfehlungen fand ich einen Spitzenanwalt, der sein Gebiet wirklich gut kennt. Ich musste bei der traurigen und für mich sehr nervenaufreibende Erstbesprechung schmunzeln, denn mein Anwalt sieht wie Rowan Atkinson aus. Ich bin Engländerin – wenn man kein Geld in England hat, sagt man „ I have not got a bean“ – in meinem Fall nicht ganz wahr, denn ich habe Mr. Bean als Anwalt und er ist wirklich gut! Mir wurde erklärt, worauf ich achten muß und was ich vorbereiten müsste und auch wie der Antrag gestellt wird.

Der Antrag war ausgefüllt und ans Gericht per Telefax und Anschreiben gegangen und ich fiel in ein großes Loch. Ich sollte keine Abhebungen vom Konto machen, mein Kindergeld und Kindesunterhalt lief jedoch auf dieses Konto und ist auch mein einziges Einkommen. Ich habe nämlich zugunsten meiner Mitarbeiterinnen und zugunsten meiner Hoffnung, daß die Firma doch noch eine Chance hatte, eineinhalb Jahre lang auf ein Gehalt verzichtet. Ich habe jedoch zwei Kinder, die ich zwischenzeitlich ernähren muss. Vom Firmenkonto durfte ich auch nichts abheben und musste jedoch jeden Tag in die Arbeit finden und meinen Job fortführen, bis ein vorläufiger Insolvenzverwalter vom Gericht bestellt werden würde. Ich sollte dem Insolvenzverwalter nicht vorgreifen, dürfte nichts im Vorfeld zur Verbesserung der Firmenliquidität verkaufen und dürfte keine Bestellungen tätigen, da ich nun endgültig wusste, dass ich nichts mehr bezahlen konnte. Man kämpft damit, daß es einiges gibt, was man nicht bezahlen kann und steht mitten in der Nacht auf, um darüber zu reflektieren, was man eigentlich hätte besser machen, so daß es nicht so geschieht. Man denkt an die Geschäftspartner, die mit Vertrauen mit einem zusammengearbeitet hat und denen man nun bald eröffnen muß, daß man leider die offenen Rechnungen nicht bezahlen kann.

Wieder hatte ich Glück, denn der vorläufige Insolvenzverwalter wurde zügig bestellt. Leider sieht er nicht aus wie George Clooney. Das wäre besonders schön gewesen, denn dieser Mensch wird mein Leben jeden Tag mindestens sechs Jahre lang begleiten.  Der Insolvenzverwalter wird beauftragt, das Vermögen zu sichern. Nachdem er bestellt worden ist, muss man einige sehr aufwendige Aufstellungen vorbereiten und Kopien von Unterlagen vorbereiten. Sinnvoll ist es natürlich dies richtig zu machen. Gleichzeitig jedoch muss man die bestehenden Kunden bedienen, eine gute Mutter sein, für seine Mitarbeiterinnen da sein usw. Obwohl man selber die Insolvenz angezeigt hat, bekommt man vom Gericht Schreiben, die nach Unterlagen bitten, jedoch mit netten Sätzen wie „Für den Fall, dass die Auskünfte nicht innerhalb der Frist erteilt werden können, kann ein Vorführungs- bzw. Haftbefehl erlassen werden“. Warum sollte man die Auskünfte nicht erteilen wollen, man hat es doch selber angezeigt. Und trotzdem Formulare, die 25 Seiten lang sind, sind in den besten Zeiten nicht leicht auszufüllen. In dem Lähmungszustand, in dem man sich befindet, sind sie erst recht schwierig – oder wissen Sie, z.B. was zu einer bescheidenen Lebensführung gehört und was nicht

Nach dem ersten Gespräch mit dem Insolvenzverwalter geht das Ganze eigentlich los – das offizielle Verfahren wird erst in zwei Monaten eröffnet werden. Man darf nun jedoch allen Kunden mitteilen, dass man insolvent ist. Man fragt sich im Vorfeld, wie die Kunden darauf reagieren werden. Die Gläubiger müssen auch informiert werden. Natürlich könnte man sich verstecken, sich verleugnen lassen und hoffen, dass der Insolvenzverwalter einen alles abnehmen würde. Wenn man jedoch später wieder arbeiten möchte, muss man aber besonders darauf Acht geben, dass man seinen Geschäftspartnern mit dem gleichen Respekt behandelt und den geistigen Anlauf nehmen, zum Telefon greifen und die Leute selbst informieren. Was wird man hören, fragt man sich? Das Herz pumpt so laut, dass man kaum Atem bekommt und man fühlt sich wie der allerletzte Versager.

Mein Glück lag darin, daß über 90% der Gläubiger mit mir seit Jahren zusammengearbeitet hatten und mit viel Verständnis reagiert haben. Ein Getränkelieferant jedoch bekam von mir ein Telefax, daß ich leider nicht bezahlen könne, daß ich noch Leergut im Hause hätte. Ich würde die nächsten zwei Monate im Haus sein und er könne dieses Leergut bei seiner regelmäßigen Besuchen im Büropark abholen. Binnen zwei Stunden nach Versand dieses Faxes klingelte es an der Tür. Eine meiner Mitarbeiterinnen machte die Tür auf und wurde mit einem Bodycheck empfangen, aus dem Weg geschoben und der Mensch marschierte in die Büroräume hinein. Er wäre hier, um das abzuholen, was ihm gehört, er würde uns verklagen und dann marschierte er, ohne zu fragen, in die Küche. Was kann meine Mitarbeiterin für die Insolvenz und warum reagiert jemand so unwirsch darauf, daß wir ihn informiert hatten. Sicher ist er nicht gerade erfreut, daß wir die Rechnung nicht bezahlen können, aber wir haben wenigstens versucht, ehrlich und fair in einer schwierigen Situation zu sein. Ich erzählte ihm, ich würde die nächsten Jahre arbeiten, daß er sein Geld bekommt. Das interessierte ihn aber eigentlich auch nicht.

Der Gutachter kommt um alle Ihrer Wertgegenstände zu schätzen und sie fühlen sich plötzlich von einer sehr starken Übelkeit überrumpelt! Da geht mein Leben! Meine Frage – werden sie auch meine Pflanzen versteigern? Was wird mir noch bleiben?

Bei mir war es auch so, dass ich vergessen hatte, dass ich für zwei Vorträge gebucht war. Schon flatterte eine Einladungskarte herein, die schon an Gott und die Welt verschickt worden war: „Erfolgreiche Unternehmerin stellt sich vor......“ Wieder pumpt das Herz wie wild – das kann man doch nicht zulassen, dass jemand anders hängt, weil die Vortragende ausfällt. Zugleich kann man eine derartige Ankündigung nicht einfach so bleiben lassen. Also den Schritt zum nächsten Berg – die Mitteilung, dass man insolvent ist, dennoch sprechen würde, jedoch informieren müsste. Wie wird die Reaktion sein?

Mitteilung nach Mitteilung geht heraus – man hat Angst; irgendjemanden zu vergessen. Gleichzeitig die Überlegungen: Wo werden wir wohnen? Müssen die Kinder die Schule durch ein Wohnungswechsel wechseln?  Wie kann ich meinen Kindern davor bewahren, Nachteile durch meine Inkompetenz zu erleiden.

Manche Leute wenden sich ab. Eric Clapton singt ein Lied „Nobody knows you when you are down and out“ und plötzlich hat man Angst, dies könnte so sein.  Und doch kennen einen viele Leute – besonders viele Leute, die nur an die zu gewinnenden Umsätze der Kunden interessiert sind, die in Bälde von uns nicht mehr abgewickelt werden können. Vielleicht kann man, wenn man besonders geschickt ist, diese Aufträge gewinnen!

Man bekommt per Post eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier, zu der man sehr gerne hingehen möchte – aber hingehen, ohne ein Geburtstagsgeschenk – das ist nicht schön! Was soll man denn da machen.

Wie erklärt man seinem Aupair-Mädchen, dass es sein kann, dass ein Wohnungswechsel stattfinden wird? Wie erklärt man seinem Aupair-Mädchen, dass man kein Geld hat! Und was passiert, wenn sie schlecht reagiert – denn man muss noch die Abwicklung der Firma anständig betreuen – also weiterhin ohne Verdienst, Arbeiten gehen und dies ist ohne Aupair-Mädchen nicht möglich. In dem Kampf der letzten Zeit, die Firma positiv voranzutreiben, hat man seit einem Jahr keinen Urlaub mehr gemacht – irgendwie muss man die Batterien wieder aufladen – darf man aber mitten im Insolvenzverfahren, sich eine Auszeit gönnen? Ist das nicht wahnsinnig egoistisch? Aber ist man nicht auch noch ein Mensch – darf man nicht einen Hänger haben? In weniger als eine Woche werde ich 40 Jahre alt – da zieht man Bilanz und fragt sich, was habe ich geschafft. Die erste Reaktion ist: „Ich habe es geschafft, nichts zu besitzen, nichts für meine Kinder aufgebaut zu haben und alles im Rahmen einer Insolvenz zu verlieren“ Die zweite Reaktion fällt jedoch besser aus – ich habe es geschafft: „Ein vertrauenswürdiger und ehrlicher Mensch zu sein, Mut und Humor zu haben und ein Überlebermentalität zu sein – das ist doch etwas – oder?“

Meine Firmeninsolvenz ist besonders problematisch, denn die Marke ist auch an anderen unabhängigen Unternehmen lizenziert, die sehr professionell und erfolgreich in Ihren Fachgebieten tätig sind. Plötzlich erhöht sich der Druck, denn man möchte nicht, dass die Insolvenz diese Firmen auch belastet. Darf man denn ganz ohne Schwierigkeiten offiziell verkünden, dass man insolvent ist? Ist das fair gegenüber diesen Unternehmen, die wirklich super arbeiten, professionell sind und in ihren Bereichen sehr bekannt sind?

Jeden Tag begegnet man einem anderen Problem. Man muss professionell und stark sein! Ich habe das große Glück, dass obwohl meine Mitarbeiterinnen drei Monate lang kein Geld für ihre Arbeit bekommen – das Geld wird ihnen erst im Rahmen des Insolvenzverfahrens erstattet- sie zu mir gekommen sind und mir mitgeteilt haben, dass sie mir bis zum Ende trotzdem helfen werden. Gott hat viele Engel und er hat mir welche geschickt! Ohne Putzfrau sind wir – wir haben auch Kunden im Haus! Wir putzen Toiletten, das Büro, kaufen Getränke ein, bedienen zu Dritt die Telefonzentrale, führen Kundenbesprechungen durch, Arbeiten Aufträge ab, akquirieren Neuaufträge, die innerhalb der vorgebenen Fortführungszeit des Unternehmens abgewickelt werden können! Wir sitzen nicht da und bedauern uns – wir packen an – wir haben eine Insolvenzmasse, die sich erhöhen muss, damit möglichst viele Leute wenigstens einen Teil ihres Geldes bekommen können! Will die Welt nicht mit uns sprechen, dann ist das der Verlust von der restlichen Welt – denn wir verhalten uns anständig!

Trotzdem gibt es einige Leute, die dann auf einmal nicht mehr mit einem sprechen möchten. Jetzt ist der Insolvenzverwalter wichtig!  Manche Geschäftspartner verhalten sich komisch! Und man füllt sich auf einmal transparent und wertlos. Das lasse ich aber nicht zu – denn ich bin noch da und ich kämpfe hart in meiner Situation – ich gebe nicht auf! Ich bin auch stolz auf mich, daß ich trotz Insolvenz jeden Tag meine Arbeit erledige und sogar Neuaufträge entgegennehme, die die Masse erhöhen! Wieviele Leute muß es aber geben, die einfach angesichts der Behandlung, die Sie von außen erfahren, aufgeben und sagen: „Ok – ich habe alles verloren – es wird mich sowieso jeder schief anschauen, also brauche ich nichts mehr tun“.

Ich denke, dass bei den vielen Insolvenzen, die es im Moment in Deutschland gibt, man Mut fassen sollte, weiterzumachen. Schließlich gibt es große beispielhafte und erfolgreiche Unternehmen, dessen Eigentümer schon eine Insolvenz hinter sich hatten, bevor sie ein neues Unternehmen gründeten und erfolgreich wurden. Sich aber immer wieder hochzuhelfen und weiterzumachen, erfordert sehr viel Kraft in einer Zeit, in der sie alles haben – nur nicht Kraft und Energie! Man begegnet einem entweder mit Wut oder mit Mitleid oder es wenden sich Leute ab, von der man das nie erwartet hätte.

Während ich über meine eigene Situation nachgedacht habe – darüber reflektiert habe, was ich früher dazu dachte, wenn ein Unternehmen pleite ging, ist mir eingefallen, dass es tausende solcher Menschen im Moment gibt, die das Gleiche erfahren. Vieler dieser Leute werden es nicht einfach haben und viele werden die Zuwendung der Umgebung nicht erfahren, wie ich es glücklicherweise habe. Ich habe deshalb gerade ein Insolvenzlied geschrieben und suche den Menschen, der dieses Lied mit mir singen möchte – denn die Melodie ist ein bekanntes Lied und man muss in der Lage sein, die Lizenzgebühren für die Nutzung des Liedes zu bezahlen. Außerdem muss die Situation Insolvenz gesellschaftsfähig werden und den Leuten muß Mut gemacht werden, weiterzumachen und ich bin bei weitem nicht bekannt genug, um dies zu transportieren. Ich nehme die Situation nicht leicht- ich habe einiges gelernt und ich werde weiterarbeiten. Ich möchte aber schauen, daß die Insolventen nicht zur nichtzubeachtenden Randgruppe erklärt werden. So würde es nie besser werden.

Gerade bin ich dabei, ein Joint-Venture ins Leben zu rufen – ich möchte die Insolventen zusammen mit einem Coach unterstützen, so dass sie die Hoffnung und den Mut nicht verlieren, erhobenen Hauptes auch darüber sprechen können und weiterkämpfen können, einen neuen Weg zu gehen – denn Insolvenz ist auch eine Chance alles zu reflektieren, zu lernen und einen neuen Weg zu beschreiten. Man ist noch ein Mensch – muss nicht übersehen werden. Ein Kind lernt zu laufen, in dem es immer wieder hinfällt und immer wieder aufsteht – das Kind in uns, weiß wie das geht. Ich bin ganz und gar insolvent – ich bin aber noch ein Mensch. Ich schäme mich nicht, denn ich habe es probiert – es ging dieses Mal schief, aber ich habe gelernt. Ich kämpfe und ich werde es schaffen – with a little help from my friends!

Das nächste Mal, dass sie über Insolvenzfälle lesen, vergessen Sie bitte nicht die Menschen, die dahinter stecken. Ihre guten Wünsche und Ihr Verständnis werden diese Leute brauchen, um wieder auf die Füße zu kommen und aktiv zur Wirtschaft wieder beizutragen!