Zurück auf Start - VIP (Very Intensively Pleite)

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erschienen im RKW Magazin.

Sie ist ihrer Visitenkarte nach Pleitier, Expertin für das Scheitern und Expertin für das Wiederaufstehen – und darauf ist sie stolz. Zweifelsohne hat Anne Koark ihren Humor englischer Prägung nicht verloren. Das ist immerhin eine Leistung, denn sie hat 2003 mit ihrem Unternehmen „Trust in Business“ Insolvenz anmelden müssen, ihre Altersversorgung gepfändet bekommen, die Eigentumswohnung verkaufen müssen und sechs lange und harte Jahre bis zum Ende der Insolvenzphase durchgemacht. Aber anders als viele Unternehmer, die dieses harte Los trifft, hat sie sich nicht unterkriegen lassen. Mehr noch, sie ist offensiv mit dem Tabuthema Insolvenz umgegangen. Mit zwei Büchern, Artikeln, Auftritten bei Tagungen, in Funk und Fernsehen hat sie nicht nur ihr eigenes Schicksal gut verarbeitet, sondern etwas geschafft, was ihr persönlich sehr am Herzen liegt: das Thema Insolvenz gesellschaftsfähig zu machen und damit zu beginnen, die Rahmenbedingungen für Insolvenzen zu ändern. Heute ist sie als Referentin für Insolvenz, Wirtschaft und Ethik in ganz Deutschland unterwegs. Das RKW Magazin hat mit ihr rund um das Thema Insolvenz gesprochen.

RKW Magazin: Frau Koark, Sie kennen sich mit Insolvenz aus: Welche Gründe gibt es dafür, dass Unternehmen Pleite gehen?
Anne Koark: Es gibt tausend Gründe für Insolvenzen. Es kann ein unternehmerischer Fehler vorliegen – also ein ehrlicher Fehler –, keiner in betrügerischer Absicht. Es ist möglich, dass jemand krank wird und seine Selbstständigkeit nicht genug abgesichert hat. Aber ein falsches oder fehlendes Liquiditätsmanagement führt manchmal ebenso zur Insolvenz. Man kann auch insolvent werden, wenn der Markt sich verändert und man es zu spät merkt oder ein Ereignis von außen kommt, womit man nicht rechnet. Es gibt aber – und das möchte ich betonen – grundsätzlich Situationen, die man nicht vermeiden kann: Ein Unternehmer muss manchmal Risiken eingehen, um nicht zu stagnieren. Es gehört eben für den Unternehmer immer auch ein Quäntchen Glück dazu.

RKW Magazin: Insolvenz ist in Deutschland ein Tabuthema. Was glauben Sie, wie kann man die Einstellung der Deutschen dazu ändern?
Anne Koark: Es gibt zwei Arten, wie man diese Einstellung vielleicht ändern könnte. Zum einen können wir uns darauf besinnen, was die Deutschen wirklich gut können. Ich meine, zum Beispiel ihre mathematischen Fähigkeiten. Rechnen Sie doch mal mit: Bei jeder Firma, die insolvent geht, wie viele Kunden verlieren die Geschäftspartner dann? Was passiert, wenn keiner mehr gründet, und zwar aus Angst vor der Insolvenz? Wie viele Arbeitsplätze gehen dadurch verloren, werden gar nicht erst geschaffen? Was passiert, wenn die zweite Idee die beste ist, und sie gar nicht zustande kommt, weil die Politik und die rechtlichen Rahmenbedingungen das nicht zulassen?
Zum anderen muss man den Menschen bewusst machen, dass eine Insolvenz wirklich jedem passieren kann. Es gibt einfach kein fehlerfreies Leben – weder für die Menschen noch für die Unternehmen. Man kann sich das ganz leicht vor Augen führen. Beispielsweise ist doch eine Scheidung eigentlich eine Beziehungsinsolvenz, eine Krankheit im Prinzip eine Gesundheitsinsolvenz. Fehler zu machen gehört zum Menschsein ebenso wie zum Unternehmersein.

RKW Magazin: Was raten Sie Menschen, die Insolvenz angemeldet haben und nicht damit zurechtkommen?
Anne Koark: Der beste Rat, den ich hier geben kann, ist es, offen mit der Insolvenz umzugehen. Man muss sich auf diese Weise keine schlaflosen Nächte bereiten, nur weil man überlegt, was dieser und jener darüber denkt. Die Menschen, die sich dann von uns abwenden, waren keine echten Freunde, die zu uns halten. Man verliert vielleicht einiges durch eine Insolvenz, aber man sollte nie die Achtung vor sich selbst verlieren. Schließlich hat man sein Bestes getan. Und es ist gleichsam wichtig, weiterzuarbeiten, als wenn das Geld auf das eigene Konto ginge. Man darf nicht einfach so während der Insolvenzzeit vom Markt verschwinden.

RKW Magazin: Was sollte die Wirtschaft, was die Politik tun, um denjenigen Unternehmern besser zu helfen, die Insolvenz anmelden müssen?
Anne Koark: Ich wünsche mir von der Politik, dass aus dem Insolvenzgesetz ein Sanierungsgesetz wird. Es soll dem Insolvenzverwalter ermöglicht werden, jedes Unternehmen auf seine Sanierungsfähigkeit zu überprüfen anhand der Honorierung. Ich erwarte von der Regierung, dass man in der Insolvenz unter rein wirtschaftlichen Aspekten Entscheidungen trifft. Es wäre zuletzt auch wichtig, denjenigen Schuldner auch im Sinne der Gläubiger zu rehabilitieren, der redlich ist. Die Wahrnehmung und die Zweckmäßigkeit des Verfahrens müssen wir ändern.

RKW Magazin: Wie sieht Ihr persönliches Fazit nach sechs Jahren als Pleitier aus?
Anne Koark: Ich bin sehr reich geworden, denn ich habe die Angst vor dem Verlieren verloren. Das ist ein Reichtum. Ich kann befreiter leben – in der Gewissheit, dass wenn etwas schiefgehen würde, ich wirklich einen Weg fände, wieder aufzustehen. Ich weiß jetzt, dass ich das kann. Und ich habe während dieser Zeit auch Fähigkeiten an mir kennengelernt, die ich mir vorher niemals zugetraut hätte. Ich bin in dieser Zeit an der schwierigen Situation gewachsen.

RKW Magazin: Und eine abschließende kurze Frage: die zweite Chance – warum lohnt sie sich weit mehr, als die meisten Insolventen glauben?
Anne Koark: Es gibt ein passendes Zitat von Kurt Marti. Es lautet: Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.

RKW Magazin: Frau Koark, vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen.

Das Interview führte Bruno Pusch, Redakteur des RKW Magazins.